[. . .] Rotes quoll aus dem Osten, ein sengender Brand. Ströme von Licht zerteilten die Welt. Die befehlende Gebärde des erscheinenden Tags wies allen den Platz und gebührenden Rang. Die Ebenen schleuderte es in die Tiefe, die Meere in die unendlichen Fernen, die Berge riss es empor in die gottbehausten Bereiche. Was vordem im Schoßdunkel der Nacht ein heimliches Ganzes war, nun ward es geschieden. [. . .] Es war die Setzung der Maße, Geburt ins Klare hinein, der Aufgang der griechischen Welt. Hier stand ich am Throne des Lichts.[. . .]

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[. . .] Hier nun auf Kreta, glaub' ich zu spüren, ist alles älter, geburtendunkler als sonstwo in Griechenland. Kreta ist die Wurzel und der alte knorrige Stamm - so wie es auch daliegt, länglich im Meer: eine Wurzel von allem, was späterhin sproß. In Kreta zeigt sich das Griechische in seiner unbändigen Kraft. Wie heut noch die Insel das Alleranfänglichste des Abendländischen birgt, so ist es wohl auch zu griechischen Zeiten als das Urland empfunden worden. Fern und stolz und fü sich ist Kreta Griechenlands vormächtiges Reich.
Es ist die herkünftige Insel. Nirgendwo anders konnte es sein, wo Zeus geboren war.
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[. . .] Ich erinnere mich nicht, dass eine der berühmten Riviera-Straßen mich so ergriffen hätte in ihrer Pracht, obgleich ich damals, als ich sie sah, durch nicht viel Süden verwöhnt war und gewillter zu staunen als jetzt.
An jenem Abend glühte das Griechische dort zum Fabelhaften empor. Was diese Landschaft sich selten gestattet und womit sie spart: hier gab sie sich prunkend im Glanz eines Märchens, im Rausche von Farben und in tiefsattem Grün.
Wir fuhren in vielen Kehren die Berge hinab. Das Meer war mit dickem Blau hingemalt, ungestuft, furios, in zorniger Andacht, und je tiefer die Sonne sank, desto mehr violettes Purpur mischte sich drein. Da öffnete sich drunten die Bucht. Es war die Bucht von Timbakion, der Aufgang der Messara. Aus dieser Bucht hob sie sich mit leisen Steige-Tritten empor, Meile um Meile hinauf und hinein in das Land, eine Straße für Könige. [. . .]

"Kreta", Erhart Kästner (Aufzeichnungen aus dem Jahre 1943), Insel Verlag